„Mit den Brüdern Grimm durch Hessen“

Über das Buchprojekt in der Reihe „Literaturland Hessen“

Vortrag anläßlich der 11. Reichelsheimer Märchen- und Sagentage, Reichelsheim, 2006

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Märchenfreunde,

es freut mich sehr - und ich fühle mich auch ein bisschen geehrt, dass ich heute bei den 11. Reichelsheimer Märchen- und Sagentagen über Jacob und Wilhelm Grimm zu Ihnen sprechen darf, über die Märchenbrüder, ich bin fast verleitet zu sagen: über die Märchengötter. Es gibt ganz gewiss viele berufenere Häupter als mich, die hier vortragen könnten. Ich bin zwar promovierte Germanistin und habe mich seit 1989, seit meiner Magisterarbeit über „Die Bedeutung Hessens und der Hessen in der Germanistik bis 1848“, auch mit den Grimms beschäftigt. Aber ich würde es nie wagen, mich als „Grimmforscherin“ zu bezeichnen, schon gar nicht im Schatten von Herrn Prof. Rölleke, meinem Vorredner, dessen Arbeiten ich seit meinen Studienjahren sehr schätze und bewundere.

Dennoch gibt es natürlich einen guten Grund, warum die Organisatoren der Märchen- und Sagentage mich zu diesem Vortrag eingeladen haben. Denn eigentlich wollten wir Ihnen hier und heute ein Buch vorstellen, einen literarischen Reiseführer „Mit den Brüdern Grimm durch Hessen“, den ich im Rahmen des Projekts „Literaturland Hessen“ (einer Kooperation des Hessischen Rundfunks, des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, des Hessischen Literaturrats und des ADAC Hessen-Thüringen) erarbeite. Bei den Vorbereitungen zu dieser Veranstaltung habe ich ja schon erfahren, dass wir hier in einem alten Gerichtssaal zusammengekommen sind. Und da lege ich Ihnen lieber gleich mein Geständnis ab: Das Buch ist nicht fertig geworden.

Gründe, warum ich meine Arbeit nicht abschließen konnte, gibt es unzählige. Ich kann Ihnen versichern, dass ich fast alles, was Sie sich jetzt so ausdenken könnten, warum ich mit meinen Recherchen nicht weiterkam, schon erlebt habe: vom Archivar, der auf unbestimmte Zeit in Kur weilt und mir deshalb nicht weiterhelfen kann, bis hin zum Museum, das just an dem Tag, an dem ich es besuchen will, wegen unvorhersehbarer Zwischenfälle geschlossen bleibt; an den Dauerregen, der immer dann vor Ort niedergeht, wenn Fotoaufnahmen anstehen, sind mein Mann (der für mich fotografiert) und ich inzwischen schon gewöhnt. Wenn dann noch persönliche Missgeschicke dazukommen, beispielsweise ein Stromausfall, gerade als ich mich an den Computer setzte, um weiter an dem Grimmbuch zu schreiben, oder ein entzündeter Milchzahn meiner Tochter, genau an dem Tag, als ich den Vortrag für Sie vorbereiten will - da beginnt man schon daran zu zweifeln, ob so ein Projekt wirklich unter einem guten Stern steht. Oder ob sich, ganz märchenhaft, eine böse Macht dagegen verschworen hat.

Ich habe zumindest für mich entschieden, dass der Fluch der Märchenbrüder selbst nicht auf diesem Buchprojekt liegen kann. Jacob und Wilhelm Grimm fühlten sich ihrer hessischen Heimat, insbesondere den Stätten und Menschen ihrer Kindheit und Jugend stets sehr verbunden. Die „Liebe zum Vaterland“, wie Jacob Grimm in einem vielzitierten Wort aus seiner „Selbstbiographie“ (1830) schrieb (wobei er natürlich zunächst an Hessen-Kassel dachte), die „Liebe zum Vaterland“ also war ihnen von klein auf „tief eingeprägt“, und auch später, selbst nach ihrem Wegzug nach Berlin (1841), grollten sie zwar wohl dem Landesherrn, aber nicht der hessischen Heimat. Ich glaube, die Brüder Grimm würden sich - bei aller postulierten „Andacht zum Unbedeutenden“ - von ihrem sicheren Platz im Olymp wohl kaum der Mühe unterziehen, Blitze gegen so ein kleines Büchlein zu schleudern.

Vielleicht trifft das Projekt aber auch der Fluch einiger Grimmforscher, die sich spätestens seit Jacob Grimms Tod im Jahre 1863 streiten, wem das Recht der wahren Nachfolge in der Pflege des geistigen Erbes der Brüder zukomme. Fast genauso lange liegen sich auch schon die „Grimmstädte“ Hanau, Steinau, Kassel, Göttingen und Berlin in den Haaren. Als Hanau zum 100. Geburtstag der Märchenbrüder 1885/86 die Initiative für das bekannte Brüder-Grimm-Denkmal ergriff, musste es sich erst einmal mit allerhand Schachzügen (man könnte auch Intrigen sagen) das Recht an einem Nationaldenkmal für die Brüder Grimm sichern. Entscheidend für den Sieg im Wettstreit mit anderen Grimmstädten war, dass Hanau es verstanden hatte, rechtzeitig Wilhelms Sohn Herman Grimm auf seine Seite zu ziehen. Als Hanau kurz nach der feierlichen Enthüllung des Denkmals auf dem Marktplatz 1896 aber auch noch eine „Grimm-Museums-Gesellschaft“ gründete und Erinnerungsstücke aus dem Besitz der Brüder für eben ein solches Museum zu sammeln begann, kam es zum richtigen Krach mit Kassel. Der endete erst nach dreijährigem Federkrieg mit einem Kompromiss: das Denkmal für Hanau, das Museum für Kassel. (Vielleicht ist deshalb das Brüder-Grimm-Denkmal, das zum 200. Geburtstag von Jacob Grimm 1985 trotzdem noch in Kassel errichtet wurde, so unscheinbar, um nicht zu sagen: mickrig ausgefallen … aus lauter Angst vor Hanau, das sich dann doch mit einem eigenen Museum rächen könnte, weil Kassel sich nicht an die alte Abmachung gehalten hat …) In der uralten Konkurrenz der Grimmstädte streiten sich derzeit eher Kassel und Berlin, wie Sie vielleicht aus der Presse wissen. Aus dieser aktuellen Auseinandersetzung möchte ich mich lieber ganz heraushalten. Ich will eigentlich nur in Ruhe und ohne Störungen mein Buch machen, womit wir nach dieser ziemlich langen und manchmal auch sehr persönlichen Einleitung endlich wieder beim eigentlichen Thema wären.

Ein Bericht aus der Autorenwerkstatt

Das fertige Buch „Mit den Brüdern Grimm durch Hessen“ kann ich Ihnen also leider noch nicht vorstellen. Ich werde Ihnen statt dessen etwas aus meiner Werkstatt als Autorin erzählen, sozusagen ein bisschen „aus dem Nähkästchen plaudern“, wie die Arbeit an diesem Buch aussieht. Ganz nebenbei werden Sie natürlich auch einige Details aus dem Leben der Brüder Grimm erfahren, und es würde mich freuen, wenn selbst die Experten unter Ihnen dabei noch etwas erfahren würden, was Sie bisher noch nicht wussten.

Der Grundgedanke für den literarischen Reiseführer „Mit den Brüdern Grimm durch Hessen“ ist: Leben und Schaffen der Brüder Grimm ganz konkret an den Orten, Städten, Plätzen, Häusern, Gebäuden, wo sie gelebt und gewirkt haben, anschaulich zu machen. Durch diesen „anderen Blick“, diesen bewusst nicht-wissenschaftlichen Ansatz sollen die Biographie und das Werk der Brüder Grimm einem breiteren Publikum näher gebracht werden. Und, ganz im Sinne eines Reiseführers, soll natürlich auch das Publikum - im wahrsten Sinne des Wortes - den Orten näher gebracht werden, sprich: Das Buch soll dazu einladen, auf den Spuren der Brüder Grimm das Hessenland zu bereisen. (Die Beschränkung auf Hessen liegt natürlich im Projektrahmen des „Literaturlands Hessen“ begründet; wenn es Sie interessiert, kann vielleicht später Herr Prof. Boehncke noch etwas zum „Literaturland“-Projekt allgemein sagen. An dieser Stelle sei vermerkt, dass wir im Rahmen dieses Projekts immer in den Grenzen des heutigen Bundeslandes Hessen denken, auch wenn uns natürlich bewusst ist, dass die hessische Einheit erst eine Schöpfung der amerikanischen Besatzungsmacht aus dem Jahr 1945 ist.)

Biographische Stationen

Zunächst arbeitet der Reiseführer ganz brav chronologisch die wichtigsten biographischen Stationen der Brüder Grimm in Hessen ab: Hanau, Steinau, Kassel, Marburg und Frankfurt, wobei Kassel in drei verschiedene Abschnitte (Schulzeit von 1798-1802/03 - Schaffenszeit von 1805-1830, also die „Märchenjahre“ - Interim zwischen Vertreibung aus Göttingen und Wegzug nach Berlin 1837/38-1841) aufgeteilt ist. Anhand von drei (der fünf) biographischen Stationen will ich Ihnen nun verdeutlichen, welche Chancen und vor allem Tücken das Konzept eines literarischen Reiseführers auf den Spuren der Brüder Grimm durch Hessen haben kann.

Hanau - Problem: Zerstörung und Erinnerungskultur

Jacob Grimm wurde am 4. Januar 1785, Wilhelm Grimm am 24. Februar 1786 in Hanau geboren; die Brüder verbrachten dort ihre frühe Kindheit, bis die Familie 1791 nach Steinau zog. „Obgleich ich erst fünf Jahre alt war, als die Aeltern diese Stadt verliessen“, so schrieb Wilhelm Grimm einmal, „sind mir doch noch Erinnerungen aus jener Zeit geblieben.“ Geblieben ist uns vom alten Hanau - nichts. Die Stadt wurde bei einem Luftangriff kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs (19.3.1945) fast völlig zerstört. Das Geburtshaus der Brüder Grimm am Paradeplatz, das spätere Wohnhaus der Familie in der Langgasse, das Haus der Tante Schlemmer in der Fahrgasse, das Wohnhaus der Großeltern Zimmer am Altstädter Markt - alle die historischen Gebäude sind zerstört. Nur das bereits erwähnte und zugegebenermaßen repräsentative Nationaldenkmal der Brüder Grimm steht noch auf seinem alten Platz auf dem Markt vor dem Neustädter Rathaus. (Zur Erinnerung: Wir sprechen immerhin über eine Stadt, die seit einigen Monaten den offiziellen Titel einer „Brüder-Grimm-Stadt“ führen darf!)
Wie geht man nun mit Grimmstätten um, die es schlichtweg nicht mehr gibt? Wie kann man das Leben der Märchenbrüder an einem Ort anschaulich werden lassen, der nichts mehr mit der Stadt zu Grimms Zeiten gemein hat? Die Lokalhistoriker allerorten haben längst eine Antwort auf diese Frage gefunden: Man muss nur an die historischen Orte, die authentischen Stätten erinnern. Und das geschieht üblicherweise in Form von einer Gedenktafel. Ich stehe dieser Gedenktafelkultur inzwischen eher kritisch gegenüber (was mir mein „Literaturlandchef“, Herr Boehncke, verzeihen möge), denn aus der Kultur ist ein sinnentleerter Kult geworden, der so inflationär ausgeübt wird, dass es inzwischen eher auffällt, wenn an einem Haus keine Gedenktafel hängt. (In Paris machten sich übrigens vor einigen Jahren die Hausbesitzer über den dortigen Gedenktafelkult lustig, indem sie einfach „falsche“ Tafeln für absolut unbekannte Menschen an ihrem Haus anbrachten. Auf die Spitze trieb es übrigens ein Eigentümer, der an seinem Haus mit mir unbekannter Adresse die Tafel anbrachte: „Am 17. April 1967 hat sich hier nichts ereignet.“ Vgl. FR, 14.11.2002.)

Doch abgesehen von diesen eher „philosophischen“ Bedenken - gehen wir die Sache doch einmal ganz praktisch an. Ein Literaturreisender sucht das Geburtshaus der Brüder Grimm am Paradeplatz in Hanau. Und was findet er? Gegenüber der Stelle, wo das Haus einmal stand, am heutigen Freiheitsplatz, liegt vor dem wenig malerischen Hintergrund eines Busbahnhofs ein dicker Findling mit einer unscheinbaren Bronzeplatte, die in dürren Worten darüber informiert, dass hier in der Nähe früher einmal das Geburtshaus der Brüder Grimm stand. Seien Sie ehrlich: Wenn sie nun aus Reichelsheim oder gar von noch weiter her auf den Spuren der Grimms extra nach Hanau gereist wären, um dann diesen Stein zu finden, Sie wären doch ziemlich enttäuscht, oder?

Aber darf ich als Autorin des literarischen Reiseführers deshalb solche Erinnerungsstätten einfach weglassen, um Sie als Literaturreisende nicht so an der Nase herumzuführen? Nein, denn Sie als gut informierte Literaturreisende, die natürlich ihren Grimm gelesen haben, werden ja nach den Orten suchen, die Sie natürlich aus den Erinnerungen von Jacob und Wilhelm Grimm kennen. Im Falle des Geburtshauses etwa bleibt mir also in meinem Buch nur, Ihnen mitzuteilen, dass es dieses eben nicht mehr gibt, und ich kann Ihnen noch ein paar mehr Informationen dazu liefern, jedenfalls mehr Informationen, als je auf die kleine Bronzetafel auf dem Stein passen würden. Wer dann aber immer noch darauf besteht, den dicken Stein am Busbahnhof mit eigenen Augen sehen zu wollen, der ist selber schuld.

Fazit: Ich habe mich in meinem Buch dafür entschieden, den Zustand der Grimmstätten sachlich (und nicht so polemisch wie jetzt hier in diesem Vortrag) zu schildern. Aufgrund dieser Schilderung kann der Lesende selbst entscheiden, ob er diesen oder jenen Ort sehen oder umgehen möchte. Um diese Freiheit der Literaturreisenden nicht einzuschränken, biete ich bewusst auch keine ausgearbeiteten Reiserouten in dem Führer an.

Steinau - Problem: Authentizität und Konkurrenz der Grimmstätten

Steinau war den Brüdern Grimm die Heimat der Kindheit: Hier lebten sie von Januar 1791 bis zum Herbst 1798, als sie zur besseren Schulausbildung nach Kassel geschickt wurden. Das beschauliche Kinzigstädtchen entschädigt die Literaturreisenden für Hanau: Es hat sein Gesicht bis heute bewahrt.

Die wichtigste Grimmstätte in Steinau ist natürlich das Amtshaus, das dem Vater Philipp Wilhelm Grimm als Amtmann für die Ämter Steinau und Schlüchtern als Dienstsitz und zugleich der Familie (bis zum Tod des Vaters 1796) als Wohnhaus diente. Doch selbst das Amtshaus, die authentischste aller authentischen Grimmstätten, ist nicht mehr im selben Zustand wie zu Grimms Zeiten. Das Gebäude wurde nämlich bis 1975 als Amtsgericht genutzt. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der stattliche Fachwerkbau aus der Zeit der Spätrenaissance daher immer wieder den räumlichen Bedürfnissen der Behörde ganz pragmatisch angepasst, sprich: umgebaut und umgestaltet. So kann im Innern beispielsweise die Aufteilung der Zimmer zu Grimms Zeiten nicht mehr nachvollzogen werden. Das Haus ist aber auch nicht „historisch“ als Wohnhaus der Familie Grimm eingerichtet - anders als z. B. Goethes Geburtshaus in Frankfurt, das sich durchaus als Wohnhaus der Familie Goethe präsentiert (wenn es dort auch keine Betten gibt, weil offenbar die Museumsdirektoren, die die Einrichtung des Hauses im 19. Jahrhundert rekonstruierten, zu prüde waren, welche anzuschaffen). Dennoch würde wohl niemand ernstlich dem Amtshaus die Authentizität einer Grimmstätte absprechen (wie man selbst beim Goethehaus in Frankfurt ja auch längst vergessen hat, dass es sich eigentlich nur um den Wiederaufbau des Originals handelt). Die Aufgabe eines literarischen Reiseführers muss sein, das Gebäude sachlich in seiner historisch gewachsenen Realität zu betrachten und nicht zum unverfälscht überlieferten Original zu stilisieren oder gar zu mythisieren.

Nachzutragen bleibt an dieser Stelle: Das Amtshaus in Steinau beherbergt heute das „Brüder Grimm-Haus Steinau“, ein Museum zu Leben, Werk und Wirkung der Brüder Grimm, das die Stadt Steinau und die Internationale Brüder Grimm-Gesellschaft 1998 gegründet haben. Über den Hof direkt gegenüber dem Amtshaus, in der ehemaligen Amtshofscheune, befindet sich seit dem Sommer diesen Jahres übrigens das äußerst sehenswerte „Museum Steinau … das Museum an der Straße“, ein nicht nur architektonisch bemerkenswertes Regionalmuseum, das auch einige bedeutende Stücke zur Familiengeschichte der Grimm (etwa die Altarbibel des Pfarrers Friedrich Grimm, des Großvaters der Brüder) präsentiert. Kurator dieser beiden Steinauer Museen ist Burkhard Kling, der ganz und gar nicht zu den dauerabwesenden Archivaren gehört, über die ich mich vorhin beschwerte. Herr Kling hat mich bei meinen Recherchen zu dem Buch sehr unterstützt, wofür ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken möchte.

Während das Brüder Grimm-Haus und das Museum Steinau im selben Gebäudekomplex liegen und einander kongenial ergänzen, kann der Literaturreisende im Kinzigtal aber auch erleben, welch merkwürdige Blüten die Konkurrenz von Grimmstätten (mit tt) und Grimmstädten (mit dt) treiben kann. Weil das Amtshaus wegen seiner Nutzung als Gericht bis 1975 nicht für museale Zwecke zur Verfügung stand, wurde zum 100. Todestag von Jacob Grimm 1963 eine Brüder-Grimm-Gedenkstätte im Schloss Steinau eingerichtet. Und diese Gedenkstätte existiert bis heute, und sie präsentiert erlesene Stücke, darunter die Originale der teilweise exzellenten Familienbildnisse, die der erstaunte Besucher heute doch eigentlich eher im authentischen Amtshaus zu sehen erwartet hätte. Um das Chaos der Grimm-Museen an der Kinzig vollends perfekt zu machen, gibt es auch noch eine bedeutende Grimmsammlung in der Nachbarstadt Schlüchtern, im dortigen Bergwinkelmuseum im Lauterschen Schlösschen, das derzeit allerdings wegen Renovierung geschlossen ist. Im Schlüchterner Besitz befindet sich etwa ein eher unscheinbares Täfelchen mit den Initialen des Vaters Philipp Wilhelm Grimm. Philipp Wilhelm Grimm hat als Junge die Buchstaben aus Langeweile während einer Predigt seines Vaters, des Pfarrers Friedrich Grimm, in das Holz geritzt. Denn das Täfelchen stammt eigentlich aus dem Gesangbuchbrett einer Kirchenbank in der Katharinenkirche von Steinau, aus dem es herausgeschnitten wurde. Dass diese Trophäe nun in Schlüchtern liegt, nehmen die Steinauer natürlich besonders übel, wie überhaupt eher ein Frankfurt-Offenbach-Verhältnis (oder um es „nationaler“ auszudrücken: ein Köln-Düsseldorf-Verhältnis) zwischen diesen beiden Nachbarstädten besteht. Und auch die Steinauer Grimmgedenkstätten untereinander sind sich nicht recht grün. Auf eine „Wiedervereinigung“ der drei Grimmsammlungen von Steinau und Schlüchtern ist daher kaum zu hoffen. Dem Literaturreisenden bleibt nur die Verwirrung oder der Griff zum Reiseführer, der diesen Zustand der unabänderlichen Zersplitterung sachlich und unparteiisch erläutern muss.

Fazit: Ich bemühe mich in meinem literarischen Reiseführer redlich um eine sachliche Darstellung. So darf weder einem Ort wie dem Amtshaus die Authentizität noch einem der drei Grimmmuseen im Kinzigtal die Existenzberechtigung abgesprochen werden. Im Text darf die Problematik aber auch nicht einfach verschwiegen werden, sondern deren Umstände (wie z. B. die Baugeschichte des Amtshauses oder die Entstehung der verschiedenen Grimmsammlungen im Kinzigtal) müssen sachlich und unparteiisch erläutert werden. Und wenn es mir als Autorin auch manchmal noch so schwer fällt, mir einen Kommentar zu verkneifen.

Kassel - Problem: „Andacht zum Unbedeutenden“

Im Falle von Kassel, das ebenfalls bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg (insbesondere bei einem englischen Bombenangriff am 22.10.1943) schwer zerstört wurde, hatte ich eigentlich ein ähnliches Problem erwartet wie in Hanau: Ich habe erwartet, dass alle authentischen Grimmstätten dort im Krieg zerstört worden seien. Ganz so schlimm sieht es gar nicht aus. Von den sechs Wohnhäusern der Brüder Grimm in Kassel (von denen eines, in der Fünffensterstraße, wo die Brüder von 1822-24 wohnten, allerdings schon nach Adolf Stoll 1913 nicht mehr auszumachen war) sind heute immerhin zwei erhalten. Kriegszerstört sind allerdings die beiden wichtigsten Wohnstätten der Grimms, das berühmte „Märchenhaus“ in der Marktgasse 17 (Wohnhaus von 1805-1814, an das zwar keine Gedenk-, aber immerhin eine Hinweistafel erinnert) und das Haus an der Bellevue 6 (heute Schöne Aussicht 7; Wohnhaus von 1826-1829/30 und 1837-1840/41, das heute von einem modernen Gerichtsgebäude überbaut ist). Erhalten sind das Torhaus am Wilhelmshöher Platz 1 (heute Brüder-Grimm-Platz 1; Wohnhaus von 1814-1822, wo in einer davor gelegenen Grünanlage seit 1985 das bereits erwähnte Kasseler Brüder-Grimm-Denkmal steht) und das Haus Bellevue 9 (heute Schöne Aussicht 9; Wohnhaus von 1824-26, das den Krieg teilzerstört überstanden hat und nach seiner denkmalgerechten Herstellung in Eigentumswohnungen umgewandelt wurde); beide Häuser schmückt eine Gedenktafel, wobei die Tafel am Haus Bellevue 9 in der durch ein Tor verschlossenen Einfahrt hängt und deshalb nicht immer frei zugänglich ist. (Übrigens finden sich in Kassel auch einige wichtige Grabstätten der Familie, so das Grab der Mutter Dorothea Grimm und der Schwester Lotte Hassenpflug auf dem - inzwischen aufgelassenen - altstädtischen Friedhof an der Lutherkirche sowie das Familiengrab des Malerbruders Ludwig Emil Grimm auf dem heutigen Hauptfriedhof, während die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm selbst auf dem Matthäikirchhof in Berlin ruhen.)

Am Beispiel von Kassel lässt sich jedoch ein ganz anderes Problem bei der Arbeit an einem literarischen Reiseführer auf den Spuren der Brüder Grimm aufzeigen. Eine solche Arbeit erfordert, ganz im Grimmschen Sinne, viel „Andacht zum Unbedeutenden“. Und das kostet wiederum viel Zeit. An zwei Problemfällen aus Kassel, von denen ich einen bis heute noch nicht wirklich gelöst habe, will ich Ihnen beispielhaft illustrieren, wie aufwendig es sein kann, manchmal nur winzige Details zu recherchieren:
1. Während ihrer Schulzeit am Lyceum Fridericianum in Kassel von 1798 bis 1802/03 wurden die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm bei dem Dritten Landgräflichen Mundkoch Abraham Volprecht in Pension gegeben (während die Mutter und die jüngeren Geschwister ja in Steinau zurückgeblieben waren). Lt. eigenen Erinnerungen der Grimms wohnte Volprecht „Im Sack 4“ an der Ecke zum Steinweg. In der Literatur, z. B. einem Aufsatz über die Wohnstätten der Brüder Grimm von Adolf Stoll 1911/13, heißt es, dass die „heutige“ Adresse des Hauses nun Elisabeth- oder auch Elisabethenstraße laute. So steht es noch in einem jüngst erschienenen Aufsatz von Bernhard Lauer über „Brüder Grimm-Stätten heute“ [in: Jahrbuch der Brüder Grimm-Gesellschaft XIII/XIV (2003/04), S. 14].
Bei einem Besuch in Kassel im Sommer diesen Jahres versuchte ich das, was der Literaturreisende auch versuchen könnte: Ich suchte die Elisabethstraße. Doch es ließ sich in der Innenstadt zwar der Steinweg (an dessen Ecke die Elisabethstraße ja liegen sollte), jedoch nicht die Elisabethstraße selbst finden. In meinem Stadtplan gab es laut Straßenregister keine Straße dieses Namens. Auch die Touristinformation und selbst der Hotelportier, der ja sonst meistens alles weiß, konnten nicht weiterhelfen. Der freundliche Portier suchte noch in einem großen Kasselstadtplan im Internet - Fehlanzeige.

Erst nach meiner Rückkehr brachte eine E-Mail-Anfrage beim Stadtarchiv in Kassel die Lösung. Also: Die althergebrachte und ab 1867 wieder gültige Straßenbezeichnung für das Haus lautet - wie bei den Brüdern Grimm bezeugt - Im Sack 4/Ecke Steinweg. „Zwischendurch“ galt bis 1867 die amtliche (katholische) Bezeichnung: Elisabether Str. [nicht: Elisabeth- oder Elisabethenstraße!] 210/Ecke Ambrosiusstraße, so dass die in der aktuellen Grimmliteratur benutzte „heutige“ Straßenbezeichnung eigentlich schon seit fast 140 Jahren nicht mehr gilt! Das Wohnhaus des Dritten Landgräflichen Mundkochs wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, und die aus wenigen Häusern bestehende Sackgasse Im Sack wurde dann in der Nachkriegszeit als Straßenzug gänzlich beseitigt. An das alte Haus erinnert heute nichts mehr. An seiner Stelle erhebt sich ein Wohnhaus der Nachkriegszeit (Steinweg 5). (Mein Dank gilt dem Stadtarchivar Frank-Roland Klaube, der dieses Problem für mich löste.)

2. Mein zweiter Problemfall ist die mögliche gemeinsame Wirkungsstätte der Brüder Grimm, Brentanos und Arnims in Kassel. Clemens Brentano hatte die Brüder Grimm schon während deren Studium in Marburg bei Savigny kennengelernt. Als er 1807 nach Kassel kam und bei seiner Schwester Ludovica gen. Lulu Jordis logierte, nahm er sofort Kontakt zu den Brüdern auf. Im November 1807 holte er Arnim auch in die Stadt. Unter Mitarbeit der Grimms haben Brentano und Arnim in Kassel den zweiten und dritten Teil ihrer Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ (1806-08) zusammengestellt. Zur Überwachung des „Wunderhorn“-Drucks fuhr Arnim zu Anfang 1808 nach Heidelberg, während Clemens in Kassel noch den Anhang zum dritten Teil, die Kinderlieder, redigierte. Die Zusammenarbeit mit Arnim und Brentano an deren Liedersammlung war eine entscheidende Anregung für die Brüder Grimm zu ihrer eigenen Märchensammlung. Doch wo, an welchem Ort in Kassel, spielte sich diese Zusammenarbeit der vier Sammler ab?

Angeblich wohl nicht im Haus der Grimms in der Marktgasse, sondern im Haus von Brentanos Schwester Lulu, die mit dem Frankfurter Bankier Carl Jordis verheiratet war, der wiederum sein Geschäft um 1805 teilweise nach Kassel verlegt hatte. Das Ehepaar Jordis bewohnte in Kassel offenbar ein Stadthaus in der „Rue royale 114“ (und nicht, wie nach anderen Angaben, am Königsplatz), das vor 1913 abgebrochen wurde (und an dessen Stelle heute das Hessische Landesmuseum, Brüder-Grimm-Platz 5, steht). Außerdem kaufte Jordis „hauptsächlich seiner Frau zuliebe“ 1806 das Schloss Schönfeld, das das Ehepaar aber wohl eher als Sommersitz nutzte. Das hübsche Schlösschen wurde nach langer Verwahrlosung erst in den Jahren von 1989 bis 1992 von einem Verein Kasseler Bürger restauriert. Es ist nur zu verständlich, dass eine solche Bürgerinitiative das Schloss gern zu einem „Treffpunkt der romantischen Bewegung“ stilisiert, zumal schließlich auch Bernhard Lauer, der Leiter des Brüder Grimm-Museums, in dem bereits erwähnten Aufsatz attestiert, dass die Arbeit am „Wunderhorn“ auf Schönfeld geleistet wurde. Doch Brentano, Arnim und die Grimms arbeiteten nachweislich im Winter [!] 1807/08 am „Wunderhorn“, als das Sommerschloss vor der Stadt vielleicht gar nicht bewohnt war …

Noch suche ich in dieser Frage nach dem Schlüssel zur endgültigen Lösung, und wenn es die einzige Detailfrage dieser Art wäre, die ich noch nicht klären konnte, dann würde ich mich glücklich schätzen. Aber der Teufel steckt leider noch in vielen Details.

Fazit: Man könnte diese Grimmsche „Andacht zum Unbedeutenden“ für kleinkrämerisch halten. Doch es ist die Masse der stimmigen Details, die eine Geschichte rund machen. Wenn nur eine Kleinigkeit falsch oder widersprüchlich erscheint, bricht oft die ganze historische „Wahrheit“ zusammen. Und wenn ich einen solchen fatalen Fehler oder Widerspruch erst entdeckt habe, kann ich ihn auch nicht unhinterfragt wiederholen. Das ist nicht nur gegen meine Natur, sondern auch im Interesse des Lesers. In der Literatur werden schon oft genug die Fehler der anderen, früheren Autoren immer wieder abgeschrieben. Auch ich bin davor sicher nicht immer gefeit, und eigene Fehler mache ich sicher auch noch genug. Aber eben nicht absichtlich. Wenn ich denn schon einen offenkundigen Irrtum entdeckt habe, dann kann ich ihn nicht einfach wider besseres Wissen weiter kolportieren.

Biographische Abstecher

Die Problematik des literarischen Reiseführers habe ich Ihnen anhand von drei (der fünf) biographischen Stationen in dem Buch verdeutlicht. (Marburg und Frankfurt müssen einfach aus Zeitgründen hier außen vor bleiben.) Zu jeder biographischen Station gibt es noch biographische Abstecher, z. B. von Kassel nach Großalmerode, wo Wilhelm Grimm am 13. April 1800 konfirmiert wurde. Meist handelt es sich bei den Abstecherorten jedoch um Stätten, wo die Brüder Grimm auf Reisen oder zu Besuch einmal kurz weilten. Diese Stätten sind oft besonders aufwendig zu recherchieren, da es wirklich beinah unendlich viele Orte gibt, wo die Brüder Grimm einmal gewesen sein sollen - ohne dass nähere Informationen über ihren Besuch dort bekannt sind. Es lässt sich sogar fast die Faustregel aufstellen: Je mehr mit dem Bezug der Brüder Grimm zu einem Ort touristisch geworden wird, desto weniger Interesse besteht dort an der historischen Wahrheit. Und das ist aus wirtschaftlichen Gründen nur zu verständlich: Denn die Recherche könnte immerhin die werbewirksame Legende von der Grimmschen Präsenz wie eine Seifenblase zerplatzen lassen …

Märchenorte

Natürlich kann sich ein Reiseführer auf den Spuren der Brüder Grimm durch Hessen nicht auf die biographischen Stätten beschränken. Er kommt um die Märchenorte einfach nicht herum. Doch auf dem Kenntnisstand der heutigen Märchenforschung lassen sich die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm nicht eben mal so einfach in Hessen fest verorten. Grimms Märchen haben europäische Wurzeln und sind in der ganzen Welt zu Hause. Es ist einer ihrer wichtigsten Wesenzüge, dass sie - um es einmal neudeutsch und gar nicht „grimmisch“ auszudrücken - eben keine lokale, sondern eine globale Geschichte erzählen. Ihre Figuren sind überall und nirgends zu Hause. Und eigentlich ist es ja auch gut so, dass jedes Kind auf der ganzen Welt glauben kann, der Rotkäppchenwald liege genau vor seiner eigenen Haustür.

Durchaus legitim ist es, von der hessischen Heimat der meisten Gewährleute der Brüder Grimm für die Märchen zu erzählen. Stellvertretend werden in meinem Buch daher vier Märchenerzähler der Grimms mit ihren Heimatorten vorgestellt: Dorothea Viehmann (die auf der Knallhütte und in Niederzwehren bei Kassel zu Hause ist), Marie Hassenpflug und Friedrich Krause (an die die Schauenburger Märchenwache erinnert, deren Ausstellung Sie jetzt bei den Märchen- und Sagentagen in Reichelsheim sehen können), Wilhelmine von Schwertzell (die in Willingshausen in der Schwalm lebte).

Schwierig finde ich weiterhin den Umgang mit den Märchenorten, die für sich beanspruchen, die Heimat einer Märchenfigur zu sein. Um deren touristische Erschließung kümmert sich intensiv etwa die Arbeitsgemeinschaft Deutsche Märchenstraße, so dass ich manchmal geneigt bin, deren Büro in Kassel diese Aufgabe einfach weiterhin ganz zu überlassen - und diese oft selbsternannten Märchenorte in meinem Buch einfach wegzulassen. Aber kann man einfach so auf den Hohen Meißner verzichten, wo doch die Frau Holle wohnt? (Dabei ist anzumerken, dass Frau Holle ja eigentlich eine Sagenfgur ist, bei denen es mit der „Verortung“ in der realen Geographie schon wieder ganz anders aussieht als bei den Märchenfiguren. Gerade um die Figur der Frau Holle streiten sich aber auch mehrere Landschaften. So wird sie außerdem u. a. am Untersberg in Tirol angesiedelt, wie ich aus der jüngsten Ausstellung des BGM lernen konnte.)

Wenn man die Mechanismen der Märchentourismusindustrie einmal durchschaut hat, verzichtet man manchmal doch lieber auf einige „Märchenorte“. Was halten Sie z. B. von Frankfurt als Rotkäppchenstadt? Aber in der Mainmetropole gibt es doch einen Rotkäppchenbrunnen, geschaffen von dem Jugendstilbildhauer Johann Joseph Belz nach Motiven der Brüder Grimm im Jahr 1912, heute etwas versteckt in einer Grünanlage zwischen Gartenstraße und Kennedyallee in Sachsenhausen aufgestellt. Natürlich würden Sie Frankfurt trotzdem jetzt nicht zur Märchenstadt erheben (auch wenn es seine Berechtigung als Grimmstadt ja ohnehin hat, aber das ist ein anderes Thema). Aber genau so funktioniert's: Ein Ort wählt sich eine Märchenfigur, wird deren Pate und stellt deren mehr oder weniger künstlerisch wertvolles Standbild irgendwo auf. Und schon ist ein neuer Märchenort geboren. Ich bezweifle noch, dass es einen Sinn hat, einen Literaturreisenden dorthin zu schicken. Aber vielleicht können Sie mich im anschließenden Gespräch ja eines Besseren belehren, wie ich mich überhaupt über Anregungen und Fragen aus Ihrem Kreis freuen würde.

Schlusswort

Ansonsten hoffe ich, dass ich Sie ein bisschen neugierig machen konnte auf mein Buch „Mit den Brüdern Grimm durch Hessen“, das ich, sobald es in meinen Kräften steht, abschließen möchte und das dann im Frankfurter Societäts-Verlag erscheinen wird. Wenn Sie es schon bald lesen wollen, dann schicken Sie mir doch einfach Ihre guten Gedanken. Wie in den märchenhaften Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat. Vielleicht besiegen wir dann gemeinsam den Fluch, der auf dem Projekt zu liegen scheint. Das würde mich freuen. Einstweilen danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen noch viel Spaß bei den 11. Märchen- und Sagentagen hier in Reichelsheim.

Reichelsheim, 28.10.2006

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